Making Of der VR Produktion Gladiatoren im Kolosseum

Nach dem rein virtuell erstellten VR-Projekt „Vulkane“ lag diesmal die größte Herausforderung im Realdreh für den VR-Raum. Nichts war in diesem Projekt normal oder gewohnt, alles war neu, musste erfunden oder zumindest hinterfragt werden.

Parallel zu den Realszenen wurden die späteren Kulissen aufwändig im Computer erzeugt. In monatelanger Arbeit wuchs das Modell einer Romkulisse und das Innere des Kolosseums in einem bisher nicht gesehenen Detailgrad. Fast nebenbei entstand durch die Beschäftigung mit dem 3D-Modell ein völlig neuer Ansatz zur Konstruktion und Funktion der gewaltigen Sonnensegel des Kolosseums.

Um die maximale Nähe zum Schauspieler zu erreichen, wurde ein Kamerasystem entwickelt, das die menschliche Wahrnehmung imitiert. Das System sieht den gesamten realen Raum, so wie ein Mensch diesen mit seinen zwei Augen wahrnehmen würde. Das heißt, das gesamte Filmset repräsentiert punktgenau den späteren VR-Raum. Die Position jedes Gegenstandes, jedes Schauspielers, jeder Aktion musste dazu penibel genau ausgemessen und in allen Dimensionen exakt positioniert werden.

Virtual Reality ist ein Quantensprung in der Wissensvermittlung.

Vor Beginn der Dreharbeiten galt es, Lösungen für verschiedene Probleme der menschlichen Wahrnehmung im VR-Raum zu finden. Darunter Fragen wie: „Wie steuere ich den Blick des Betrachters? Wird der Zuschauer den Film im Sitzen oder im Stehen ansehen?“ All das, was im klassischen Film keinerlei Relevanz hat, stellt im VR-Film eine dramaturgische Herausforderung dar. Beispielsweise stellen wir, körperlos im dreidimensionalen VR-Raum, verblüfft fest, dass der vor uns agierende mächtige Gladiator, während wir uns hinsetzen, auf Zwergengröße zu schrumpfen scheint. Nach viel Forschungsarbeit wurde die Kamerahöhe auf einen ermittelten Zwischenwert festgelegt. Ein Kompromiss, um die Dimensionen sowohl aus der Sitzposition als auch im stehen optimal zu erfassen.

So wie bei der Rekonstruktion des Kolosseums war uns die historische Genauigkeit auch bei Kostümen und Ausstattung sehr wichtig: In Zusammenarbeit mit einer Gruppe, die die militärischen und auch zivilen Gepflogenheiten der Römer in experimenteller Archäologie lebt, war dies möglich. Kaiser und Senatoren haben während des Realdrehs beispielsweise eine damals beliebte, sehr aufwändige Toga in großer Stofffülle mit bis zu 15 qm handgewebtem Wollstoff und sorgfältig gelegtem Faltenwurf getragen.

Woher bekommt man Gladiatoren mit Kampferfahrung? Auf der Suche nach der bestmöglichen Darstellungsform mit erfahrenen Kämpfern in diesen sehr speziellen Disziplinen wurde eine Gladiatorenschule ausgewählt. Während des späteren Realdrehs wurde bestätigt, dass wir die absolut richtige Entscheidung getroffen hatten. Die beiden Gladiatoren waren mit einer solchen Präzision und Intensität bei der Sache, dass sogar zwischenzeitlich einer der beiden durch einen gezielten Schlag kurzfristig bewusstlos am Boden lag.

Gedreht wurde der Gladiatorenkampf in einer Reithalle. Sandboden ist für Gladiatoren unverzichtbar. Entweder kommt der Sand ins Studio oder der Greenscreen kommt in die Reithalle mit Sand. Für den Hintergrund wurde eine auf- und abbaubare nahtlose Greenscreen von 4 mal 12 Metern in der Breite gefertigt, die ein Halbrund bildet.

Nie war Geschichte realer, nie war sie zum Greifen so nahe.

Ein weiterer wichtiger Dreh fand im Studio statt. Während bei den Gladiatoren die Bewegung des Kampfes und die Nähe zur Kamera den Dreh erschwerte, waren es diesmal die Vielzahl der Menschen und ihre Positionen in der Kaiserloge, die sich nicht überschneiden durften. Fast alle Personen wurden einzeln gedreht, jede Person hatte einen markierten Punkt am Boden, so dass der Abstand zur Kamera im späteren virtuellen Set hiermit übereinstimmte.

Mit Laszlo Kish hatten wir einen wunderbaren Darsteller des Kaisers Titus, der auch bei der vielfachen Wiederholung nicht die Ruhe verlor: Die Szene musste in einem Stück über zwei Minuten gespielt werden. Gleichzeitig ging es bei seinem Gang zur Brüstung der Kaiserloge um wenige Zentimeter, die in der Schlussposition einzuhalten waren, um ihn möglichst nahe vor uns agieren zu lassen.

Im finalen aufwändigen Compositingprozess wurden schließlich beide Welten vereinigt. Die real, positionsgenau aufgezeichneten Darsteller wurden als freigestellte Grafikebenen mit der komplett digital erzeugten Umgebung des Kolosseums kombiniert.

Philipp Clermont

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